07.07.2021

Automatisierung ist allgegenwärtig

Interessen

Automatisierung ist ein Megatrend. In der digitalen Fabrik der Industrie 4.0 wird die Vernetzung vorangetrieben, man spricht von Hyperautomatisierung. Doch auch im Dienstleistungssektor und sogar im Privatleben reduzieren Technologien den menschlichen Eingriff.

Automatisierung lässt sich rein technologisch definieren, wie es zum Beispiel GlobalanceWorld tut, ein Tool zur Beurteilung der Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit von Geldanlagen der Schweizer Privatbank Globalance: «Automatisierung ist die Technologie, durch die ein Prozess oder Verfahren mit minimaler menschlicher Unterstützung durchgeführt wird. Es ist der Einsatz verschiedener Steuerungssysteme zur Bedienung von Geräten wie Maschinen, Prozessen in Fabriken, Kesseln und Wärmebehandlungsöfen, zum Einschalten von Telefonnetzen, zur Steuerung und Stabilisierung von Schiffen, Flugzeugen und anderen Anwendungen und Fahrzeugen mit minimalem oder reduziertem menschlichen Eingriff.»

Automatisierung weist aber auch eine gesellschaftliche Komponente auf, weil sie einen Strukturwandel der Arbeitsmärkte zur Folge hat, bereits hatte und weiterhin haben wird. Sprich: Wer «Automatisierung» hört, denkt immer auch an «Ersatz der menschlichen Arbeitskraft» (durch Roboter) und – besonders negativ konnotiert – «Wegrationalisierung von Jobs». 2015 titelte die Handelszeitung: «Ersatz durch Roboter: Jeder zweite Job gefährdet». Das Wirtschaftsblatt zitierte eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte, das eine durchschnittliche Automatisierungswahrscheinlichkeit von 48 Prozent errechnet hatte. Betroffen seien neuerdings nicht nur Jobs mit geringen Qualifikationsanforderungen wie Telefonist*in oder Kassier*in, sondern auch hochqualifizierte Berufe wie Steuerberater*in, Augenoptiker*in und Immobilienverwalter*in. Am stärksten gefährdet bzw. am sichersten seien folgende Jobs:

Automatisierungswahrscheinlichkeit

Bank- und andere Schalterbedienstete97%
Sekretariatskräfte97%
Telefonist*innen96%
Kassier*innen/Kartenverkäufer*innen96%
Buchhalter*innen/Steuerberater*innen95%
Postsortierer*innen86%
Kartograf*innen/Vermessungsingenieur*innen63%
Finanz- und Anlageberater*innen40%
Betreuer*innen in Kitas und Kindergärten8%
Fitness-Instruktor*innen8%
Krankenpfleger*innen/med. Assistent*innen6%
Rettungskräfte5%
Ärzt*innen2%
Architekt*innen2%
Psycholog*innen1%

2017 hiess es im «Geldblog» des Tages-Anzeigers, auch im gesamten Gesundheitssektor sei eine hohe Nachfrage nach Roboterlösungen zu erwarten. Aus der Optik von Anleger*innen wird dies als Chance wahrgenommen: «Während Roboter früher vor allem in Fabrikhallen eingesetzt wurden, werden sie künftig verstärkt auch im Alltag für die Bevölkerung sichtbar, werden Aufgaben übernehmen, die früher von Menschen ausgeführt wurden. Ob man dies gut oder schlecht findet, ist Ansichtssache. Tatsache ist, dass damit die Produktivität in vielen Unternehmen weiter gesteigert werden kann.» Der Einsatz künstlicher Intelligenz in zahlreichen Branchen wird in den kommenden Jahren auch die Robotik und die Automatisierung weiter beschleunigen. Lesen Sie unsere Story zum Thema künstliche Intelligenz hier.

Automatisierung wird immer ausgeklügelter

Automatisierung ist also ein stetiger Prozess – wobei man heute sogar von Hyperautomatisierung spricht. Das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen Gartner hat Hyperautomatisierung 2020 als einer der «Top 10 Strategic Technology Trends» identifiziert. Einerseits handle es sich dabei um eine Ausweitung der Automatisierung: Alles, was automatisiert werden könne, werde auch automatisiert. Andererseits verlagere sich der Fokus von aufgaben- und roboterbasierter Automatisierung zu einer ausgeklügelten Automatisierung des gesamten Prozesses, basierend auf künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen. Hyperautomatisierung führe «zur Erstellung eines digitalen Zwillings der Organisation, der es Unternehmen ermöglicht zu visualisieren, wie Funktionen, Prozesse und Leistungskennzahlen zusammenwirken, um Mehrwert zu generieren» (Übersetzung durch Autor).

Die «smart factory» ist ein Ausdruck der sogenannten Industrie 4.0. Nach der ersten industriellen Revolution (Mechanisierung mittels Wasser- und Dampfkraft) und der zweiten (Massenfertigung mithilfe von Fliessbändern und elektrischer Energie) war bereits die dritte eine digitale Revolution mit Einsatz von Elektronik und IT zur Automatisierung der Produktion. Doch erst die vierte industrielle Revolution ermöglicht eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion durch Vernetzung von Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkten. Eine Vernetzung der ganzen Wertschöpfungskette und aller Lebenszyklen eines Produkts von der Entwicklung bis zum Recycling.

Wie Chocolat Frey die Produktion automatisierte

Mit Rockwell Automation in Aarau und Autexis in Villmergen gibt es auch im Aargau Unternehmen, die in der industriellen Automatisierung tätig sind. Und mit Chocolat Frey in Buchs ein anschauliches Beispiel, wie Autexis eine Fabrik vor wenigen Jahren «intelligent» vernetzte. Im Impulse-Newsletter der Bank UBS schilderte der Chocolat-Frey-Produktionsleiter 2016, wie der Informationsfluss zwischen Planung und Produktion automatisiert wurde. Vorher mussten die rund 27'000 Produktionsaufträge pro Jahr von Hand in die jeweiligen Maschinensteuerungen eingegeben werden. Heute übermittelt ein Manufacturing Execution System (MES) die Aufträge aus dem Enterprise Resource Planning System (ERP) in die Produktion und wertet auch die Rückmeldungen der Maschinensteuerungen aus. Das Resultat: weniger Stillstandszeiten, eine deutlich beschleunigte Auftragsabwicklung und Einsparungen.

FHNW forscht an zuverlässiger Automatisierung mit

Der ehemalige Aargauer Regierungsrat und Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann sagte Ende 2020 kurz vor seinem Rücktritt gegenüber der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK), die Coronavirus-Pandemie habe Digitalisierung und Automatisierung beschleunigt. Es brauche Weiterbildungsanstrengungen, um Mitarbeiter*innen mit Routinejobs im Arbeitsprozess zu halten. Wie eingangs erwähnt, gilt dies auch für Hochqualifizierte. Bei der Fachhochschule Nordwestschweiz, namentlich in der Hochschule für Technik FHNW, ist die Automatisierung Gegenstand verschiedener Aus- und Weiterbildungsgänge. Die Hochschule ist zudem am Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) «Dependable Ubiquitous Automation» (zuverlässige allgegenwärtige Automatisierung) als Partner der angewandten Forschung und Entwicklung beteiligt. Dabei geht es nicht nur um die industrielle (Hyper-)Automatisierung, sondern auch um Konzepte wie «Smart Cities» (intelligente Städte) und «Smart Grids» (intelligente Stromnetze).

Mit der Digitalisierung hat die Automatisierung die Fabrik also verlassen und schlägt sich zunehmend in verschiedenen Lebensbereichen nieder, unter anderem auch in der Mobilität mit selbst fahrenden Autos. Am nächsten kommen uns persönlich die sogenannten Sozialroboter, die Aufgaben der menschlichen Interaktion übernehmen wie die Pflege im Altersheim oder die Reception im Hotel. Zukunftsmusik? Hartmut Schulze, Psychologe an der FHNW und Leiter des dortigen Robo-Lab, sagt es in der Aargauer Zeitung so: «Sie stehen mit einem Bein noch im Labor, mit dem anderen schon in möglichen Einsatzfeldern.»

Autor: CH Media

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