23.03.2022

«Der Aargau ist eine attraktive Umgebung»

Unternehmen

Die Pfiffner Group ist ihrem Gründungsstandort Hirschthal trotz Internationalisierung treu geblieben. Warum und mit welcher Strategie das Elektrotechnik-Unternehmen mit 900 Mitarbeitenden in die Energiezukunft schreitet, erklären CEO Jürgen Bernauer und Verwaltungsratspräsident Fritz Hunziker im Gespräch mit Work Life Aargau.

Wie oft müssen Sie jemandem erklären, was ein Messwandler ist?

Jürgen Bernauer: Diese elektrotechnische Komponente kennen in der Regel tatsächlich nur Fachleute. Um im Hochvoltbereich die Spannung zu messen, braucht es spezielle, sichere Geräte, und diese stellt Pfiffner seit fast hundert Jahren her.

Fritz Hunziker: Kennen Sie den Spruch «Volt mal Ampère gibt in Watt, was der Strom geleistet hat»? Die Leistung, die sich aus der Spannung und der Stromstärke zusammensetzt, muss man messen, um sie den Verbrauchern verrechnen zu können. Vielen leuchtet ein Vergleich mit der Wasserkraft ein: Die Stromstärke entspricht der Anzahl Kubikmeter Wasser, die pro Zeiteinheit durchfliesst, und die Spannung der Höhendifferenz des Wasserfalls oder im Kraftwerk.

Über Expansion und Diversifizierung

Die Pfiffner Messwandler AG in Hirschthal ist das Stammhaus der Unternehmensgruppe. Diese expandiert und diversifiziert seit zwanzig Jahren. In welche Richtung?

Bernauer: Einerseits haben wir das Messwandler-Geschäft in die Türkei, nach Deutschland, Brasilien und Indien gebracht. Anderseits erweiterten wir das Sortiment um elektrotechnische Komponenten wie isolierte Stromschienen und Durchführungen – mit Moser Glaser in Kaiseraugst und in Annapolis/USA – sowie Trenner für Schaltanlagen und Kabellösungen für die Bahnindustrie – mit Alpha-ET in Grenchen. 2019 akquirierten wir mit Haefely in Basel einen Zulieferer von Geräten, um unsere Messwandler zu prüfen. Mit dieser Messtechnik erweitern wir auch unser Know-how in Sachen Elektronik, Hard- und Software. Durch den Kauf von Haveco in Gwatt und Zofingen schliesslich konnten wir 2021 eine Lücke schliessen: Montage, Inbetriebsetzung und Service; dies in den Netzebenen 5 bis 7, also nahe beim Endkunden. Damit erhalten wir Zugang zu den vielen regionalen und lokalen Energieversorgern.

Ist dies interessant für Sie, weil mit der Energiewende die Stromerzeugung mehr und mehr dezentralisiert wird?

Hunziker: Ja. Wir gehen davon aus, dass künftig vor allem Dorfnetze ausgebaut werden müssen und weniger die Hochspannungsinfrastruktur.

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Wir gehen davon aus, dass künftig vor allem Dorfnetze ausgebaut werden müssen und weniger die Hochspannungsinfrastruktur.
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Fritz Hunziker, Verwaltungsratspräsident

Über neue Produkte und Dienstleistungen

Sie steigen neu in die Produktion von Leistungsschaltern ein, die Sie als Königsdisziplin bezeichnen. Warum?

Bernauer: Wie Sie bei sich zuhause das Licht an- und ausschalten, müssen auch Hochleistungs-Stromnetze ab und zu deaktiviert werden. Denken Sie etwa an einen Kurzschluss, wenn ein Baum auf eine Freileitung fällt. Mit Leistungsschaltern kann also ein Stromkreis unterbrochen oder umgeleitet werden – und diese Anwendung nimmt tendenziell zu: Mit der Energiewende verändert sich das elektrische Netz. Es gibt nicht mehr nur Stromflüsse von oben, sondern auch von unten, von den sogenannten Prosumern, also zum Beispiel von Hallendächern mit Solaranlagen. Zudem hängt immer mehr Leistungselektronik an den Netzen, also Bauelemente wie Umrichter, die elektrische Energie umformen. Zum Beispiel braucht es für die Netzeinspeisung von Strom aus Photovoltaikanlagen sogenannte Solarwechselrichter. All dies belastet das Netz – es muss neu gemanagt werden.

Hunziker: Es kommt hinzu, dass immer mehr Ströme durch dasselbe Netz geleitet werden müssen, weil neue Leitungen politisch sehr schwer durchsetzbar sind. Deshalb rechnen wir uns als kleiner Player gute Chancen in diesem Geschäftsfeld aus. Die Anforderungen an die Schalter sind höher geworden.

Sie kooperieren mit einer deutschen Firma im Bereich Batteriespeicher. Was ist hierzu der Beitrag von Pfiffner?

Bernauer: Wir haben den Anspruch, als GU den Kunden eine Gesamtlösung anzubieten, die Technik kommt von unserem Partner. Die Batterie von Fenecon hat den Vorteil, dass die zugrundliegende Software open source ist, sich also eine PV-Anlage oder eine E-Tankstelle gut integrieren lassen. Das angepeilte Segment sind aber nicht Privathaushalte, sondern eher mittelgrosse Quartieranlagen oder Industriespeicher. Unser erstes Referenzprojekt ist ein Zwischenspeicher von Solarstrom für ein E-Postauto in Brugg. Solche Projekte dienen uns auch dazu zu verstehen, wie die Energiewende eigentlich funktioniert.

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Projekte wie der Ladespeicher für ein E-Postauto in Brugg dienen uns auch dazu zu verstehen, wie die Energiewende eigentlich funktioniert.
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Jürgen Bernauer, CEO

Über die Energiewende und Nachhaltigkeit

Sie sagen, die Energiewende vollziehe sich langsam, aber unaufhaltsam. Ist das wirklich so? Im Moment wird über eine drohende Stromlücke und neue Kernkraftwerke diskutiert.

Hunziker: Wenn alle Verbrenner durch E-Fahrzeuge ersetzt und alle Öl- und Gasheizungen auf Wärmepumpen umgestellt werden, wird der Stromverbrauch in den nächsten Jahren so stark ansteigen, dass wir um die Kernkraft nicht herumkommen. Die Wasserkraft kann nicht mehr genügend ausgebaut werden. Und die Windkraft ist enorm unter Beschuss.

Bernauer: Ich bin wegen des Entsorgungsproblems kein Fan der Kernkraft. Nicht auszudenken auch, wenn in einem dichtbesiedelten Raum etwas passieren würde. In der Schweiz haben wir ein riesiges Potenzial für Solarkraft; das Problem sehe ich hier hauptsächlich in der Speicherung.

Pfiffner strebt an, seine Produkte nachhaltiger zu machen. Können Sie dies an einem Beispiel erklären?

Bernauer: In unseren Apparaten befinden sich Isolationsstoffe, zum Beispiel Gas. Schwefelhexafluorid ist ein ideales Gas für die Isolation. Nur ist SF6 mehr als 23’000-mal schädlicher für das Klima als CO2. Während der langen Lebensdauer unserer Messwandler entweicht eine gewisse Menge Gas, das lässt sich nicht vermeiden. Deshalb ersetzen wir SF6 durch ein natürliches Gasgemisch, das einen kleineren Umwelt-Impact hat als CO2. Dies entspricht auch einem zunehmenden Kundenwunsch.

Über den Standort und das Recruiting

Produktentwicklung und -fertigung finden bei Pfiffner grösstenteils am Standort Schweiz statt. Warum nicht im Ausland, wo es billiger wäre?

Hunziker: Warum nicht, wenn man es gut macht und die Rahmenbedingungen stimmen? Der Aargau ist eine attraktive Umgebung, wir haben gut ausgebildete Berufsleute und finden das nötige Kapital. Vor zwanzig Jahren, als alle auslagerten, wurde ich ausgelacht. Vor zehn Jahren hatten wir florierende Zeiten, trotz oder gerade wegen unserer ausgeprägten lokalen Fertigungstiefe. Inzwischen hat sich die Welt weitergedreht. Wenn wir den Willen haben, innovativ zu sein und uns technisch weiterzuentwickeln, haben wir auch in Zukunft eine Daseinsberechtigung.

Als Arbeitgeber berücksichtigen Sie auch explizit Quereinsteiger*innen und versprechen: «Leistung wird gesehen und belohnt.» Spüren Sie den Fachkräftemangel?

Hunziker: Die richtigen Mitarbeitenden zu finden, ist natürlich ein anstrengendes Thema. Die grossen, bekannten Firmennamen sind halt verlockend. Und wir verlangen eine gute Performance und ein hohes Qualitätsbewusstsein. Dafür bieten wir Beständigkeit und Karrieremöglichkeiten. Deshalb passen wir im Zweifelsfall lieber die Funktion an, wenn wir jemanden unbedingt behalten wollen, als stur am Organigramm festzuhalten und auf den passenden Kandidaten zu warten. Ein dankbares Reservoir sind unsere Lernenden, die wir in verschiedenen Berufen ausbilden. Da stechen immer wieder Perlen heraus. Gerade haben wir einen ehemaligen Top-Lernenden in unsere Niederlassung in die USA geschickt. Wir wollen unserem Berufsnachwuchs eine Perspektive bieten.

Über die Führung von Familienunternehmen

Herr Bernauer, Sie sind seit 2019 CEO. Wie ist es, von aussen in ein mittelständisches Familienunternehmen hineinzukommen?

Bernauer: Ich war lange Jahre bei einem Grosskonzern. Von innen betrachtet, glichen die einzelnen Abteilungen KMU. Deshalb war mein Wechsel kein Kulturschock. Mein damaliger Chef warnte mich allerdings: Wenn Du es mit dem Patron nicht kannst, dann gute Nacht. Es kam zum Glück nicht so weit: Herr Hunziker und ich ergänzen uns hervorragend. Wir sind beide technikaffin, haben aber verschiedene Charaktereigenschaften: Er ist der Visionär, ich bin der Analytiker. Wir sind uns nicht immer einig – siehe Kernkraft –, aber ich spüre es, wenn er recht hat – auch wenn ich nicht immer weiss warum (lacht). Zudem musste ich mich trotz meines Werdegangs neu beweisen und ein paar Gesellenstücke abliefern, um mir das Vertrauen der Inhaberfamilie zu erarbeiten. Dank dieses Vertrauens kann ich helfen, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Ich schätze diese Handlungsfreiheit.

Hunziker: Ich sehe es genau gleich. Herr Bernauer hätte sicher dasselbe gesagt, wenn ich jetzt nicht hier sässe (lacht).

     

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