14.07.2021

Unternehmen brauchen eine Digitalstrategie

Interessen

Dem Megatrend Digitalisierung kann sich niemand entziehen. Auch Unternehmen müssen die digitale Transformation bewältigen. Als Erfolgsfaktoren gelten eine individuelle Digitalstrategie und eine «cyberhumanistische» Unternehmenskultur.

Digitalisierung gilt als Megatrend Nummer eins. Sie ist dermassen allumfassend, dass mehrere andere Entwicklungen als Megatrends der Digitalisierung bezeichnet werden; in der Arbeitswelt zum Beispiel Analytics (Sammeln und Auswerten von Unternehmensdaten), Social (Einsatz sozialer Medien für Marketing und Recruiting), Mobile und Cloud (zeit- und unabhängiges Arbeiten, indem Endgeräte auf einen zentralen Speicher zugreifen). Die Digitalisierung bekommt deshalb auch das Etikett «Gigatrend» angeheftet und wird in der Theorie der Langen Wellen des Wirtschaftswissenschafters Nikolai Kondratjew als fünfter Zyklus eingestuft. Sie liegt damit auf dem Innovationsniveau vorgängiger wichtiger Erfindungen wie der Dampfmaschine und der Eisenbahn.

Gemäss GlobalanceWorld, einem Tool zur Beurteilung der Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit von Geldanlagen der Schweizer Privatbank Globalance, umfasst Digitalisierung «alle Formen der technisch vernetzten digitalen Kommunikation […]. Der Begriff wurde immer weniger im ursprünglichen Sinn (Umwandlung analoger in digitale Datenformate) verwendet, sondern fast ausschließlich im Sinne einer umfassenden digitalen Transformation und Durchdringung aller Bereiche von Wirtschaft, Staat, Gesellschaft und Alltag.» In der Tat muss man nicht lang überlegen, welche digitalen Tools und Prozesse unser aller Leben mehr und mehr beeinflussen: E-Commerce (einkaufen im Internet), E-Banking (Kontoführung online), E-Paper (Zeitung online lesen), E-Mobilität (vernetzte Elektroautos), E-Government (virtueller Schalter, elektronische Steuererklärung, Covid-Zertifikat als QR-Code etc.), E-Health (elektronisches Patientendossier), E-Learning (digitaler Fernunterricht).

Netzwerk hilft bei der Digitalstrategie

Industrie 2025 ist die nationale Initiative mit dem Ziel, die digitale Transformation auf dem Werkplatz Schweiz voranzutreiben. Beim Netzwerk machen auch Aargauer Akteure mit, zum Beispiel die Innovationsförderung Hightech Zentrum Aargau und die in der Automatisierung (lesen Sie hier unsere Story dazu) tätigen Unternehmen Autexis und Rockwell Automation. Die Initiative hilft KMU mit einem Vorgehensmodell, eine Digitalstrategie zu entwickeln und umzusetzen. Dabei stützt sie sich auch auf Umfragen, um den Handlungsbedarf abzuleiten. Die unlängst publizierte Umfrage Digitalstrategie 2020 bei Industrieunternehmen hat Folgendes ergeben:

  • Digitalisierung wird zwar als strategisch wichtig angesehen; mehrheitlich fehlt jedoch eine Digitalstrategie und der digitale Reifegrad der Unternehmen wird als nicht sehr hoch wahrgenommen.
  • Zu den Treibern der Digitalisierung gehören Geschäftsleitung, Kader und Eigentümerschaft, nicht jedoch Mitarbeitende, Kunden*innen und Lieferant*innen – und schon gar nicht der Staat.
  • Die Digitalisierungsinvestitionen fliessen hauptsächlich in die Automatisierung der Kernprozesse, neue Produkte und Dienstleistungen sowie Kunden- und Serviceportale; wenig investiert wird in Webshops und neue Geschäftsmodelle.
  • Wenn man die Technologien betrachtet, fliesst viel Geld in Informationstechnologien wie ERP, CRM & Co. und wenig in Blockchain und Sicherheitstechnologien (letztere gegen Cyberangriffe).
  • Und: «70% stimmen der Aussage zu, dass die Digitalisierung durch die Corona-Krise noch bedeutender für sie geworden ist.»

Daraus leitet Industrie 2025 Handlungsempfehlungen ab. Etwa jene: «Unternehmen sollten alle Handlungsfelder der Digitalisierung berücksichtigen und sich nicht auf die interne Prozessoptimierung beschränken, sondern ebenso die Digitalisierung der Kundenschnittstelle und neue digitale Produkte und Services verfolgen.» Oder: «Aufgrund der zahlreichen Angriffe auf die Schweizer Industrie sollten Unternehmen hinterfragen, ob sie genug in ihre Cybersecurity-Fähigkeiten investieren.» In einem Whitepaper (Bestellung hier) zeigt die Initiative den Nutzen einer Digitalstrategie auf und wie eine solche bei drei Produktionsunternehmen konkret ausgestaltet ist.

Einzelne Cases entspringen operativen Bedürfnissen

Sogenannte Industrie 4.0 Use Cases werden auch in der gleichnamigen Veranstaltungsreihe präsentiert. 2020 fand der Event als Live-Webcast statt, und die Videos der Praxisbeispiele können hier nachgeschaut werden. Da erfahren die interessierten Zuschauer*innen zum Beispiel, wie der Logistikanlagenbauer Stöcklin mit digitalen Services die Lagerhaltung optimiert (Stichwort "Smart Warehouse"). Oder wie der internationale Hersteller von Schrauben und Verbindungselementen Bossard eine Onlineplattform entwickelt hat, auf der technische Konstrukteure neue mechanische Teile innert Sekunden offerieren lassen können (Stichwort "Smarte Lohnfertigung"). Oder wie Midor, die Guetzlifabrik der Migros, Sensordaten nutzt, um Störungsursachen zu eruieren, damit die Anlagenverfügbarkeit steigt (Stichwort "Machine Learning").

Die einzelnen Cases zeigen auf, wie die Projekte durch operative Bedürfnisse getrieben sind. Dazu heisst es im Vorwort der Umfrage Digitalstrategie 2020: «Das macht am Anfang durchaus Sinn, denn so kann schnell profitiert und das Wissen und die Erfahrung im Unternehmen aufgebaut werden. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird es aber notwendig, das Thema strategisch anzugehen. Einerseits um grössere unternehmensübergreifende Hebel zu nutzen, andererseits um die richtigen Projekte mit dem grössten Beitrag an den Unternehmenserfolg umzusetzen.»

Der Mensch rückt ins Zentrum

Diesen umfassenden Blick auf die Digitalisierung postulierte das deutsche Zukunftsinstitut bereits 2016. In einem Artikel über eine nachfolgende Trendstudie schreibt der Systemtheoretiker Christian Schuldt an die Adresse von Unternehmen, sie dürften Digitalisierung nicht einfach mit Technologie gleichsetzen: «Der digitale Wandel ist […] ein soziotechnischer Prozess. Der Mensch rückt dabei immer mehr ins Zentrum – gerade, weil digitale Technologien eine immer wichtigere Rolle in allen Lebensbereichen spielen. Um den Prozess der digitalen Transformation also erfolgreich für sich und ihre Kunden gestalten zu können, brauchen Unternehmen ein ganzheitliches, real-digitales Verständnis von Digitalisierung, das die vielschichtigen sozialen Implikationen und Effekte miteinbezieht.» Zu diesem «cyberhumanistischen» Mindset gehöre ein selbstbewusster Umgang mit Unsicherheit und Komplexität, denn: «Die Vorstellungen von Eindeutigkeit und Steuerbarkeit, die noch bis ins späte 20. Jahrhundert galten, sind längst obsolet geworden. Die Netzwerkgesellschaft bietet keine langfristig „stabilen“ oder verlässlich „berechenbaren“ Strukturen mehr.» Um sich trotzdem eine «digitale Resilienz» (Widerstandsfähigkeit) anzueignen, brauche es neben mehr Flexibilität und Kreativität auch eine Sicherheit und Identität verleihende Unternehmenskultur. Auf dieser Basis liessen sich die Kompetenzen fördern, die in der digitalen Ökonomie erfolgsentscheidend sind.

Autor: CH Media

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